In neuem Gewand: Historisches Naturalienkabinett

Ostdeutsche Sparkassenstiftung und Sparkasse Chemnitz ermöglichten die neue Dauerausstellung im Museum Waldenburg

Waldenburg, 28.11.2018. Versteckt im sächsischen Muldental befindet sich mit dem Museum Naturalienkabinett Waldenburg eines der ältesten und ungewöhnlichsten naturkundlichen Museen Deutschlands. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1845 blieb die Präsentation der Sammlung nahezu unverändert und bildet heute ein „Museum im Museum“. Die spannende Entstehung der Kernsammlung, nämlich des barocken „Museum Linckianum“ der Apothekerdynastie Linck aus Leipzig, blieb den Besuchern bislang jedoch weitgehend verborgen. Diese Lücke wurde nun endlich geschlossen und die Ausstellung unter Anwesenheit aller Förderer wie auch des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, Michael Kretschmer, eröffnet.

Die Stadt Waldenburg erhielt bei ihrem unermüdlichen Engagement für das Projekt großzügige Unterstützung durch langjährige Förderer: "Seit vielen Jahren engagieren wir uns als regional verankertes Institut in Waldenburg. So unterstützten wir gemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung beispielsweise auch die Restaurierung der Kirche Franken zu einer modernen Veranstaltungsstätte und die Restaurierung der Orgel in der Schlosskapelle Waldenburg. Mit der neuen Begleitausstellung zum historischen Naturalienkabinett wird Waldenburg um eine weitere Attraktion reicher. Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit der Stiftung dazu beitragen konnten, dieses Projekt zu verwirklichen", sagte Dr. Michael Kreuzkamp, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Chemnitz.

Die ganze Welt in der Stube – Das Historische Naturalienkabinett der Lincks
Seit DDR-Zeiten verbinden Besucher das Waldenburger Naturalienkabinett mit dem Präparat eines kleinen, doppelköpfigen Kalbes. Dabei hat es mit der barocken Wunderkammer der berühmten Leipziger Apothekerdynastie Linck nichts zu tun. „Das Linck-Kabinett wurde über drei Generation hinweg zwischen 1670 und 1810 aufgebaut. Es ist eine der frühesten Gründungen seiner Art mit vielen einzigartigen Objekten, die sich bis heute in solcher Geschlossenheit erhaltenen hat – eine absolute Seltenheit“, sagt Christina Ludwig, die sich als Kuratorin der neuen Dauerausstellung tief in die Geschichte der Sammlung und ihre Mythen eingearbeitet hat. Das „Museum Linckianum“ war ein Universum der Dinge, das zu Tausenden Alltägliches und Ungewöhnliches vereinte und die Ganze Welt im Kleinen abbilden sollte. Naturalia, also natürliche Dinge wie Pflanzen- und Tierpräparate, waren mit den von Menschen künstlich gemachten Artificialia vereint. Manches Stück wie etwa ein kunstvoll geätztes Nautilus-Gehäuse zeugt von der Lust der Sammler am Verschwimmen dieser Grenzen. Doch mit dem Tod des letzten Linck-Sprosses im Jahr 1807 erlosch der Ruhm des Kabinetts. 1840 wurde Fürst Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg (1785–1859) auf die Sammlung aufmerksam und erwarb sie. Dem Fürsten diente das neue Haus zu Repräsentationszwecken, die den Schönburgs seit ihrer Erhebung in den Fürstenstand 1790 gefehlt hatte.

Museum im Museum – Das historische Naturalienkabinett im Obergeschoss des Museums, eingerichtet 1845, Foto: Museum – Naturalienkabinett Waldenburg
Nautilusgehäuse mit geätzter Verzierung, Niederlande um 1650, Foto: Museum Naturalienkabinett Waldenburg
Der Ursaurier: Protoreaster speneri, gefunden 1706 in Suhl bei Thüringen, Foto: Marion Wenzel, Leipzig
1784 von Georg Forster für das Linck-Kabinett erworben: Kamm aus Tonga, Ende 17. Jh., Foto: Museum Naturalienkabinett Waldenburg

Alchemie, Wissenschaft und Aufklärung
Am Vorabend der Aufklärung diente das Sammeln von Steinen, Tieren und Pflanzen auch dazu, die „natürliche“ und damit „göttliche“ Ordnung der Welt zu ergründen. Angetrieben von Neugier, Wissensdurst und Zweifel gingen die Lincks darüber jedoch weit hinaus. „Das Naturalienkabinett ist nicht nur historisches Raumensemble, sondern auch erstrangiger Sammlungsort für die Wissenschaftsgeschichte“, urteilte Mit-Kurator Dr. Thilo Habel. Und dies zu Recht: als experimentierfreudige Alchemisten begleiteten die Lincks etwa die Geburtsstunde des ersten Böttgerporzellans, dessen Rezeptur Johann Friedrich Böttger (1682–1719) unter der Ägide des Sächsischen Kurfürsten und Porzellan-Liebhabers August des Starken entwickelte. Ebenso waren es die Lincks, die die bis dahin fast unbekannten Seesterne in die noch heute gängigen Gruppen unterteilten. Neben neuen Präparationstechniken erprobten sie sich auch in dem, was wir heute Paläontologie nennen: an der Wissenschaft von den Lebewesen aus der geologischen Vergangenheit. Kein Wunder, dass die Lincks beim Sammeln von Fossilien bald auch an der bis dahin gültigen biblischen Theorie der Sintflut zweifelten.

Heute ist kaum noch bekannt, dass sich all dies nicht etwa an einem Fürstensitz oder in einer Universität abspielte, sondern in der obersten Etage eines barocken Bürgerhauses in der Leipziger Innenstadt. Nicht umsonst gehörten im 18. Jh. der sächsische Kurfürst und spätere König Friedrich August I. (1750–1827) zu den Besuchern. Auch Georg Forster (1754–1794), der mit dem berühmten James Cook um die Welt gese-gelt war, kam 1784 persönlich nach Leipzig zu den Lincks. Sein Mitbringsel, ein Kamm von den Tonga-Inseln ist nur eines der Beispiele für die Suche nach der Fremde und exotischen Kulturen, denen man in der Linck-Sammlung begegnen konnte.

In neuem Gewand – Die Ausstellungsgestaltung
Das Ausstellungskonzept beleuchtet erstmals die Entstehung des „Museum Linckianum“ und seine weitere Entwicklung in Waldenburg anhand der Sammlerpersönlichkeiten und herausragender Einzelobjekte. Die barrierefreie Ausstellung versteht sich als interaktiv, besucherorientiert und inklusiv. Dafür wurden aufwendige 2D und 3D-Animationen entwickelt. Die neue Dauerausstellung dient den Besuchern als „Gebrauchsanweisung“ für die überwältigende Masse von Exponaten im Obergeschoss, die nach wie vor in ihrem historischen Zustand zu erkunden sind.

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