Rätselhaftes Cranach-Werk entschlüsselt?

Sparkassenstiftung und Sparkasse Zwickau förderten Restaurierung, Neuinszenierung und Publikation

Zwickau, September 2017. Ein neues, spannendes Buch stellt erstmals die Kunigundenretabel aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren in der Zwickauer St. Katharinenkirche vor. Dieser Cranach’sche Altarschmuck ist nicht nur in ikonografischer Hinsicht (es zeigt die Fußwaschungsperikope im Zentrum) ein Unikum im mitteldeutschen Raum sondern auch darüber hinaus. Das Retabel wurde nach seinem mutmaßlichen Auftraggeber, der altgläubigen Zwickauer Kaland-Bruderschaft, oder nach seinem ursprünglichen Bestimmungsort, dem Altar der Hl. Kunigunde in St. Marien, benannt. Seit fast fünf Jahrhunderten hat es seinen Platz auf dem Hochaltar der reformationsgeschichtlich bedeutsamen Zwickauer St. Katharinenkirche (Thomas Müntzer wirkte hier als Prediger).

BildSpannender Bildband zu 'Cranach in Zwickau', herausgegeben von Prof. Dr. Thomas Pöpper; Foto: Jürgen M. Pietsch, Spröda; Dipl.-Rest. May Schoder

Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung hat gemeinsam mit der Sparkasse Zwickau zunächst die Restaurierung des Retabels sowie die Schaffung einer konservatorisch einwandfreien Beleuchtungsanlage gefördert. Nun wurde mit der Hilfe der beiden Förderer auch ein opulentes Bildwerk (herausgegeben von Thomas Pöpper) veröffentlicht.


Chor mit Altar und restauriertem Retabel in der St. Katharinenkirche Zwickau; Foto: Archiv Prof. Dr. Thomas Pöpper (Aufnahmen: Jürgen M. Pietsch, Spröda; Dipl.-Rest. May Schoder
Retabel in geschlossenem Zustand ('Alltagsansicht'); Foto: Archiv Prof. Dr. Thomas Pöpper (Aufnahmen: Jürgen M. Pietsch, Spröda; Dipl.-Rest. May Schoder
Retabel in geöffnetem Zustand (Wandlung, 'Festtagsansicht'); Foto: Archiv Prof. Dr. Thomas Pöpper (Aufnahmen: Jürgen M. Pietsch, Spröda; Dipl.-Rest. May Schoder
Im mittleren Bild steht die Fußwaschung der Jünger durch Jesus im Zentrum; Foto: Archiv Prof. Dr. Thomas Pöpper (Aufnahmen: Jürgen M. Pietsch, Spröda; Dipl.-Rest. May Schoder

Mutmaßlich zuerst 1518 im (Nenn-)Dom St. Marien auf einem ‚katholischen‘ Nebenaltar errichtet, dann, im Zuge der Konfessionalisierung, im leergezogenen Franziskanerkloster für vier Jahre eingelagert und schließlich 1534 auf den Hauptaltar der evangelisch-lutherischen St. Katharinenkirche umgesetzt, ist das Cranach’sche Retabel möglicherweise wie kaum ein zweites Denkmal zum Zeugnis von Reformation, Migration und Konversion geworden. Doch nicht nur die mehrfachen Umzüge und kontextuellen Neuinszenierungen haben ihm ihren Stempel aufgeprägt. Auch Restaurierungen (erstmals bereits im 16. Jahrhundert) und zwei radikale Modernisierungskampagnen (eine im 17., eine weitere im 19. Jahrhundert) haben Spuren hinterlassen.

Jüngst kunsttechnologisch untersucht, gibt das faszinierende Altarbild der Wissenschaft zahlreiche Rätsel auf. Sowohl der materielle Bestand als auch das skizzierte biografische Narrativ des Retabels stehen zur Diskussion: Ist es etwa kein Werk ‚aus einem Guss‘, sondern vielmehr ein Mixtum compositum aus drei oder vier bislang unbekannten Retabeln? Ist seine Genese zu einem ikonografisch und theologisch konzisen Bildmanifest keineswegs geradlinig verlaufen, und führte die bisherige Lesart der Quellenüberlieferung in die Irre? Deuten die Befundspuren auf nachträgliche Gemäldekompilationen, etwa zum Zwecke der Lutherisierung des Bildprogramms? Und – wenn die Antworten tatsächlich ‚Ja‘ lauten sollten – wie wäre der Gang der Objektgeschichte vor der Kulisse der soziohistorischen Verwerfungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts neu zu rekonstruieren? 

Die spannende Diskussion über diese und andere Fragen wird im genannten Band von zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Kunst- und Baugeschichte, Restaurierungs- und Geschichts- wissenschaft sowie Denkmalpflege kontrovers geführt. Ergänzt werden die Aufsätze unter anderem von einer ausführlichen Quellenedition und einer eigens angefertigten, detaillierten Fotodokumentation, die ihrerseits einlädt, sich ein Bild von einem der rätselhaftesten Cranach-Werke zu machen, das die Kunstgeschichte kennt.

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